Hinter den Kulissen · TrueMagazin
Elke und die Bücher, die leuchten: Warum gute Geschichten mehr brauchen als einen Hype
Eine Buchhändlerin im Ruhestand, die Bücher noch immer mit dem geschulten Blick aus fast drei Jahrzehnten im Buchhandel liest, Neuerscheinungen mit großer Neugier entdeckt und sich bewusst jenen Geschichten widmet, die abseits großer Hypes Aufmerksamkeit verdienen. Mit @buecherdieleuchten22 gibt Elke heute kleinen Verlagen, ungewöhnlichen Themen und insbesondere Selfpublishern eine Bühne – und zeigt, wie viel Leidenschaft für Literatur auch dann bleibt, wenn der eigentliche Arbeitstag im Buchladen längst vorbei ist.
Seit 1993 ist sie Buchhändlerin. Vor vier Jahren musste sie ihre berufliche Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen beenden, doch die Bücher verschwanden damit keineswegs aus ihrem Alltag. Im Gegenteil: Sie lesen, entdecken, einordnen, empfehlen und mit anderen darüber sprechen zu können, gehört für Elke bis heute ganz selbstverständlich dazu.
Auf Instagram tut sie das unter dem Namen @buecherdieleuchten22.
Hinter diesem Account steckt allerdings weit mehr als eine Sammlung aus Buchcovern, Rezensionen und Neuerscheinungen. Elke bringt die Erfahrung aus fast drei Jahrzehnten Buchhandel mit, kennt die Mechanismen der Branche und weiß, wie schwierig es für manche Bücher sein kann, überhaupt wahrgenommen zu werden. Gerade deshalb richtet sie ihren Blick heute bewusst auch auf kleinere Verlage, ungewöhnlichere Geschichten und unabhängige Autorinnen und Autoren.
Wenn Bücher ein Leben lang begleiten
Elke lebt gemeinsam mit ihrem Mann im ländlichen südlichen Baden-Württemberg. Ihre Begeisterung fürs Lesen begann bereits in der Kindheit und führte schließlich zu einem Beruf, den sie noch heute als ihren absoluten Traumberuf bezeichnet.
Auch nach dem Ende ihres Berufslebens suchte sie sich neue Wege, ihre Begeisterung für Literatur weiterzugeben. Vor vier Jahren initiierte sie in ihrer Gemeinde ein öffentliches Bücherregal, das sie bis heute ehrenamtlich betreut. Darüber hinaus ist sie regelmäßig in der Mediathek in Lahr zu Gast, wo sie zweimal im Jahr ihre persönlichen Lieblingsbücher vorstellt, erzählt, warum diese sie begeistert haben, und ausgewählte Passagen daraus vorliest.
Es sind solche Momente, in denen deutlich wird, dass Literaturvermittlung für Elke nicht erst mit Instagram begonnen hat. Schon als Buchhändlerin gehörte es zu ihrem Alltag, Bücher nicht lediglich zu verkaufen, sondern Menschen mit Geschichten zusammenzubringen. Diese Aufgabe hat heute lediglich einen anderen Rahmen bekommen.
Denn eine persönliche Buchempfehlung kann etwas leisten, was keine Bestenliste und kein Algorithmus ersetzen kann: Ein Mensch erzählt einem anderen, weshalb ihn eine Geschichte berührt, überrascht oder beschäftigt hat.
Wie Corona Elke zu Bookstagram brachte
Dass Elke heute auf Instagram über Bücher spricht, ist ausgerechnet auf die Corona-Pandemie zurückzuführen.
Damals arbeitete sie noch im Buchhandel. Wie viele andere Buchhandlungen stand auch ihr Arbeitsplatz plötzlich vor der Herausforderung, trotz geschlossener Türen oder eingeschränkter Möglichkeiten mit den Kundinnen und Kunden in Kontakt zu bleiben. Die Buchhandlung richtete deshalb einen Instagram-Kanal ein, und Elke begann, sich intensiver mit der Plattform und ihren Möglichkeiten auseinanderzusetzen.
Was zunächst aus der Not heraus entstand, wurde für sie schnell zu einer neuen Form der Literaturvermittlung.
Als sie 2022 schließlich aus dem Berufsleben ausschied, beschäftigte sie die Frage, wie sie genau das weitermachen könnte, was ihr als Buchhändlerin immer besonders wichtig gewesen war: lesen, Bücher vorstellen und sich mit anderen darüber austauschen.
Die Antwort darauf war ihr eigener Instagram-Account.
Vieles entstand dabei nach dem Prinzip „Learning by Doing“. Elke probierte aus, lernte dazu und entdeckte schnell, wie viel Freude ihr diese neue Form des Austauschs bereitete. Bis heute ist genau das geblieben. Für sie wird es schlicht nie langweilig, mit Menschen über Bücher zu sprechen, die diese Leidenschaft teilen.
Der Blick einer Buchhändlerin bleibt
Ihre jahrzehntelange Tätigkeit im Buchhandel prägt bis heute, wie Elke Bücher auswählt und liest.
Während viele Leserinnen und Leser nach Stimmung entscheiden, welches Buch als Nächstes an die Reihe kommt, beschreibt Elke sich selbst ausdrücklich nicht als Moodreaderin. Sie arbeitet wesentlich strukturierter und schaut Monat für Monat darauf, welche Neuerscheinungen auf den Markt kommen. Daraus erstellt sie sich ihre persönliche Auswahl und arbeitet diese Bücher anschließend möglichst chronologisch ab.
Diese Struktur hilft ihr dabei, bei der enormen Menge an Neuerscheinungen nicht den Überblick zu verlieren. Gleichzeitig erinnert sie stark an den Arbeitsalltag im Buchhandel, in dem Rezensionsexemplare häufig bereits vor Veröffentlichung gelesen werden, damit entschieden werden kann, welche Bücher eingekauft, präsentiert oder später Kundinnen und Kunden empfohlen werden könnten.
Gerade ihre Arbeit in kleinen, unabhängigen Buchhandlungen hat Elkes Blick dabei besonders geprägt. Sie achtet bis heute bewusst auf kleinere Verlage, unabhängige Autorinnen und Autoren sowie Themen, die nicht zwangsläufig überall auftauchen.
Das bedeutet keineswegs, dass sie große Verlagshäuser meidet. Auch Bücher von Hanser, Kiepenheuer, S. Fischer und anderen etablierten Verlagen finden bei ihr ihren Platz, ebenso wie die Werke ihrer Lieblingsautorinnen und Lieblingsautoren. Dennoch interessiert sie sich besonders für jene Titel, die möglicherweise nicht automatisch auf jedem Tisch einer Buchhandlung liegen.
Gute Bücher brauchen nicht immer einen Hype
Social Media hat die Art verändert, wie Bücher entdeckt und gekauft werden. Elke beobachtet diesen Einfluss sehr genau.
Wenn ein Titel innerhalb kurzer Zeit von zahlreichen Accounts vorgestellt wird, große Marketingkampagnen anlaufen und dieselben Empfehlungen immer wieder auftauchen, entsteht schnell ein Hype. Solche Entwicklungen können einem Buch enorme Sichtbarkeit verschaffen, doch gleichzeitig sorgen sie dafür, dass andere Titel leichter im Hintergrund verschwinden.
Genau das empfindet Elke manchmal als problematisch.
Nicht weil erfolgreiche Bücher ihren Erfolg nicht verdient hätten, sondern weil Aufmerksamkeit begrenzt ist. Wenn sich ein großer Teil davon auf wenige Titel konzentriert, bleiben zwangsläufig andere Geschichten unentdeckt, obwohl sie vielleicht ebenso lesenswert wären.
Mit ihrem eigenen Account versucht sie deshalb bewusst, eine möglichst große Bandbreite zu zeigen. Unterschiedliche Genres, kleine und große Verlage, bekannte Namen und unbekanntere Stimmen sollen nebeneinander stattfinden dürfen.
Ihre Neugier beginnt oft genau dort, wo der große Hype aufhört.
Am Ende entscheidet trotzdem das Bauchgefühl
So strukturiert Elke ihre Neuerscheinungen plant, die endgültige Entscheidung für ein Buch bleibt dennoch erstaunlich intuitiv.
Viele ihrer Rezensionsexemplare erhält sie über ein Portal, auf dem Verlage sowie Autorinnen und Autoren ihre Titel teilweise bereits Monate vor dem eigentlichen Erscheinungstermin digital zur Verfügung stellen. Elke nutzt diese Möglichkeit gerne und liest inzwischen einen großen Teil ihrer Rezensionsexemplare als E-Book.
Das hat für sie auch ganz praktische Gründe. Der Platz im Bücherregal ist irgendwann begrenzt, und wichtiger als der Besitz eines gedruckten Buches ist ihr ohnehin das Lesen selbst.
Wenn sie sich für einen noch unveröffentlichten Titel entscheidet, kann sie sich kaum an fremden Rezensionen oder Bewertungen orientieren. Oft gibt es diese schlicht noch nicht. Sie hat eine Inhaltsangabe, vielleicht kennt sie bereits die Autorin oder den Autor, und dann muss letztlich das Bauchgefühl entscheiden.
Spricht sie das Thema an? Macht sie der Klappentext neugierig? Springt der berühmte Funke über?
Manchmal stellt sie nach 50 oder 100 Seiten allerdings fest, dass ein Buch und sie nicht zusammenfinden. Auch dann erlaubt sie sich inzwischen, eine Lektüre abzubrechen, selbst wenn ihr diese Entscheidung nicht leichtfällt.
Warum Selfpublisher für Elke selbstverständlich dazugehören
Besonders deutlich wird Elkes Begeisterung, wenn sie über Selfpublisher spricht.
Inzwischen hat sie einige unabhängige Autorinnen und Autoren auch persönlich kennengelernt und erlebt die Zusammenarbeit mit ihnen als ausgesprochen herzlich. Sie schätzt, wie dankbar viele dafür sind, wenn ihre Bücher vorgestellt werden und ihnen jemand innerhalb der eigenen Möglichkeiten zusätzliche Sichtbarkeit verschafft.
Dabei bleibt es längst nicht bei Rezensionen auf Instagram.
Im Mai war Elke an einer Lesung mit drei Autorinnen beteiligt, die an einem eher ungewöhnlichen Ort stattfand: auf der Liegewiese eines kleinen privaten Freibads. Die Veranstaltung war sehr gut besucht und zeigte, dass Literatur nicht zwingend klassische Veranstaltungsräume braucht, um Menschen zusammenzubringen.
Seit diesem Jahr nimmt Elke Selfpublisher außerdem ganz bewusst in ihre Buchvorstellungen in der Mediathek auf.
Für sie ist diese Unterstützung keine Gefälligkeit, sondern Ausdruck einer Überzeugung. Im Selfpublishing gebe es zahlreiche Autorinnen und Autoren, deren Können sich keineswegs hinter dem von Verlagsautorinnen und Verlagsautoren verstecken müsse.
Was Elke an ihnen besonders beeindruckt, ist die enorme Eigenleistung, die hinter vielen Veröffentlichungen steckt. Selfpublisher treffen ihre Themenentscheidungen selbst, kümmern sich um Marketing, Satz, Gestaltung und Veröffentlichung, investieren Zeit und häufig erhebliche finanzielle Mittel und hoffen am Ende darauf, dass ihre Bücher überhaupt wahrgenommen werden.
Darin steckt für Elke eine Menge Mut und sehr viel Herzblut.
Zwei Welten, die viel stärker miteinander sprechen könnten
Ein Thema liegt Elke besonders am Herzen: die Verbindung zwischen Selfpublishing und klassischem Buchhandel.
In Gesprächen mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen bringt sie das Thema immer wieder zur Sprache, weil sie überzeugt davon ist, dass beide Seiten stärker voneinander profitieren könnten.
Warum sollten unabhängige Buchhandlungen nicht häufiger Selfpublisher entdecken? Warum sollte ein gutes Buch weniger Chancen auf einen Platz im stationären Handel haben, nur weil kein klassischer Verlag dahintersteht?
Elke beteiligt sich deshalb unter anderem am Selfpublisherspeeddating, einer Initiative ihres Buchhändlerkollegen und Autors Tommy B. Brandl. Solche Projekte schaffen etwas, das ihrer Meinung nach viel häufiger stattfinden sollte: direkte Begegnungen zwischen Buchhandel und unabhängigen Autorinnen und Autoren.
Wie persönlich diese Zusammenarbeit werden kann, hat Elke selbst bereits erlebt. Sie berichtet von stundenlangen Telefongesprächen mit einer Autorin, in denen beide gemeinsam durch einen Text gegangen sind und über grammatikalische sowie stilistische Fragen gesprochen haben.
Gerade diese Nähe empfindet sie als etwas Besonderes. Bei Selfpublishern entsteht häufig ein direkter Austausch, der zwischen einer Bloggerin und einer klassischen Verlagsautorin in dieser Form kaum möglich wäre.
Eine Rezension darf nicht das Buch ersetzen
Auch bei ihren Rezensionen begleitet Elke der Blick aus dem Buchhandel, obwohl sie selbst sagt, dass es für eine gute Rezension kein festes Rezept gibt.
Sie schreibt ihre Texte möglichst unmittelbar nach dem Lesen, solange die Eindrücke noch frisch sind. Dabei überlegt sie, was sie besonders beeindruckt hat, wie der Erzählstil funktioniert, welche Perspektive gewählt wurde, wie Sprache und Thema miteinander wirken und vor allem, was nach dem Lesen bei ihr zurückbleibt.
Ebenso wichtig ist ihr die Frage, für welche Leserinnen und Leser ein Buch geeignet sein könnte und ob sie es guten Gewissens weiterempfehlen kann.
Eine Rezension sollte für Elke jedoch niemals den kompletten Inhalt nacherzählen. Sie möchte keine Geschichte vorwegnehmen und möglichst wenig spoilern. Eine gute Besprechung soll neugierig machen, einordnen und Orientierung geben, dem Buch aber genügend Raum lassen, damit Leserinnen und Leser ihre eigenen Gedanken und Entdeckungen machen können.
Vielleicht liegt genau darin auch etwas vom klassischen Buchhandel: Eine gute Beratung erzählt einem Menschen nicht, was er von einem Buch halten soll. Sie öffnet lediglich eine Tür.
Der Buchhandel muss neue Wege finden
Wenn Elke auf die Zukunft des stationären Buchhandels blickt, sieht sie sowohl Schwierigkeiten als auch große Chancen.
Viele Buchhandlungen stehen wirtschaftlich unter Druck. Manche verschwinden aus Innenstädten, weil sie sich nicht mehr rentieren, andere schließen aus Altersgründen, weil sich keine Nachfolgerinnen oder Nachfolger finden.
Gleichzeitig beobachtet Elke jedoch auch junge Kolleginnen und Kollegen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen und neue Buchhandlungen eröffnen. Oft bringen sie moderne Konzepte mit, nutzen Social Media von Beginn an und verstehen ihre Buchhandlung nicht nur als Verkaufsort, sondern als Treffpunkt für Literatur und Gemeinschaft.
Genau darin sieht Elke einen möglichen Schlüssel für die Zukunft.
Es braucht neue Ideen, den Mut, über den Tellerrand hinauszuschauen, Veranstaltungen, die Einbindung von Kundinnen und Kunden und vielleicht auch eine größere Offenheit gegenüber Selfpublishern und unabhängigen Autorinnen und Autoren.
Elke selbst hätte dafür, wie sie sagt, durchaus einige Ideen.
Und dann fällt in ihren Antworten ein Satz, der viel darüber erzählt, wie sehr sie ihren Beruf bis heute liebt: Wenn sie noch einmal jung wäre, würde sie möglicherweise noch einmal ganz neu anfangen und selbst eine Buchhandlung eröffnen.
Nach mehr als drei Jahrzehnten im Buchhandel dürfte es kaum ein größeres Kompliment an diesen Beruf geben.
Wertschätzung für Bücher bedeutet auch Wertschätzung für die Menschen dahinter
Für die Zukunft der Buchcommunity wünscht sich Elke vor allem eines: mehr Wertschätzung.
Nicht nur für das fertige Produkt Buch, sondern ebenso für all jene Menschen, die an seiner Entstehung und Verbreitung beteiligt sind. Autorinnen und Autoren gehören genauso dazu wie Grafikerinnen und Grafiker, Übersetzende, Verlage, Buchhandlungen und viele weitere kreative und organisatorische Beteiligte.
Auch die wachsende Rolle künstlicher Intelligenz betrachtet sie vor diesem Hintergrund kritisch. KI-generierte Inhalte sollten ihrer Meinung nach klar gekennzeichnet werden, damit sichtbar bleibt, wo menschliche kreative Arbeit geleistet wurde und damit die Arbeit von Künstlerinnen, Künstlern, Übersetzenden und anderen Kreativen ihren Wert behält.
Gleichzeitig wünscht sie sich, dass die Buchbubble genau das bleibt, was sie im besten Fall sein kann: bunt, kontrovers, vielfältig und neugierig.
Nicht jedem Hype hinterherzulaufen gehört für sie ebenso dazu wie die Bereitschaft, neue Menschen, Ideen und Geschichten zu entdecken.
Eine Buchhändlerin bleibt eine Buchhändlerin
Vier Jahre sind vergangen, seit Elke ihren Beruf nicht mehr aktiv ausübt. Trotzdem liest sie weiterhin Neuerscheinungen, schreibt Rezensionen, stellt Bücher vor, organisiert Veranstaltungen, betreut ein öffentliches Bücherregal, unterstützt Selfpublisher und spricht mit Menschen aus dem Buchhandel darüber, wie sich die Branche weiterentwickeln könnte.
Vielleicht beschreibt „Buchhändlerin im Ruhestand“ deshalb nur einen Teil ihrer Geschichte.
Der Arbeitsplatz Buchhandlung ist verschwunden, doch das, was diesen Beruf für Elke immer ausgemacht hat, ist geblieben: die Freude daran, besondere Geschichten zu entdecken und sie genau den Menschen zu zeigen, für die sie etwas bedeuten könnten.
Heute steht hinter ihrem Schaufenster nicht mehr zwangsläufig eine Ladentheke. Es trägt den Namen @buecherdieleuchten22.
Und dort erinnert Elke immer wieder daran, dass eine gute Buchempfehlung nicht dort beginnen muss, wo ohnehin schon alle hinschauen. Manchmal lohnt es sich gerade dann besonders, genauer hinzusehen, wenn ein Buch noch leise ist.
Genau über diesen Blick auf Bücher, über ihre jahrzehntelange Erfahrung als Buchhändlerin, ihre Begeisterung für Selfpublisher und die Veränderungen innerhalb der Buchbranche haben wir mit Elke ausführlicher gesprochen. Im schriftlichen Interview erzählt sie, wie aus der Buchhändlerin im Ruhestand eine Bookstagrammerin wurde, warum sie Hypes auch einmal ganz bewusst aus dem Weg geht und weshalb sie sich wünscht, dass Buchhandel und Selfpublishing künftig noch viel stärker zueinanderfinden.
Interview
Elke Schwörer

Elke ist seit 1993 Buchhändlerin und bezeichnet diesen Beruf bis heute als ihren absoluten Traumberuf. Vor vier Jahren musste sie ihre berufliche Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen beenden, doch ihre Verbindung zu Büchern ist geblieben. Sie betreut ehrenamtlich ein öffentliches Bücherregal in ihrer Gemeinde, stellt zweimal im Jahr ihre Lieblingsbücher in der Mediathek Lahr vor und spricht auf Instagram unter @buecherdieleuchten22 über Neuerscheinungen, kleine Verlage, besondere Geschichten und Selfpublisher.
Dabei bringt sie einen Erfahrungsschatz mit, den man ihren Empfehlungen anmerkt: Elke kennt den klassischen Buchhandel, beobachtet die Entwicklungen auf Social Media und interessiert sich gerade für jene Bücher, die nicht automatisch von großen Marketingkampagnen getragen werden.
Im Interview haben wir mit ihr über genau diese Verbindung gesprochen.
01
Elke, wer steckt hinter @buecherdieleuchten22?
Lesen war schon von Kindesbeinen an meine Leidenschaft. Ich lebe gemeinsam mit meinem Mann im ländlichen südlichen Baden-Württemberg. Vor vier Jahren habe ich hier in unserer Gemeinde ein öffentliches Bücherregal initiiert, das ich bis heute ehrenamtlich betreue.
Auch unsere Mediathek in Lahr profitiert von meiner Bücherliebe. Zweimal im Jahr stelle ich dort meine Lieblingsbücher vor, erzähle, warum sie mir gefallen haben, und lese auch ein wenig daraus vor. Das alles macht mir sehr viel Freude.
Bücher bestimmen also weiterhin mein Leben.
02
Du hast viele Jahre im Buchhandel gearbeitet. Wie hat diese Zeit deinen Blick auf Bücher geprägt und was davon begleitet dich heute noch bei deinen Rezensionen?
Ich schaue mir Monat für Monat an, welche neuen Bücher erscheinen, und lese sie dann gewissermaßen chronologisch. Dabei bin ich sehr strukturiert und überhaupt keine Moodreaderin. Dieses Gerüst hilft mir dabei, bei den vielen Neuerscheinungen, die jedes Jahr auf den Buchmarkt kommen, den Überblick zu behalten.
Als Buchhändlerinnen und Buchhändler bekommen wir von den Verlagen außerdem häufig vorab Rezensionsexemplare zugeschickt, die wir lesen können, um anschließend zu entscheiden, welche Bücher für die Buchhandlung interessant sein könnten.
Ich denke, gerade wenn man wie ich ausschließlich in kleinen, unabhängigen Buchhandlungen gearbeitet hat, geht dieser berufliche Blick häufig etwas tiefer. Ich achte bewusst auf kleine, unabhängige Verlage und unabhängige Autorinnen und Autoren und versuche, großen Hypes eher aus dem Weg zu gehen. Mich interessieren außergewöhnlichere Themen und Bücher, die vielleicht nicht überall zu sehen sind.
Das bedeutet natürlich nicht, dass ich keine Bücher größerer Verlage wie Hanser, Kiepenheuer oder S. Fischer lese. Und dann gibt es selbstverständlich auch Lieblingsautorinnen und Lieblingsautoren, deren Romane ich weiterhin lese und sammle.
03
Wie bist du zu Bookstagram gekommen?
Damals habe ich noch gearbeitet und während der Pandemie haben wir für unsere Buchhandlung einen Instagram-Kanal eingerichtet, damit wir uns auch weiterhin nach außen zeigen konnten. Dadurch habe ich angefangen, mich intensiver mit Instagram zu beschäftigen und nach und nach dazuzulernen.
Als ich 2022 aufgehört habe zu arbeiten, habe ich mir überlegt, wie ich das Lesen und das Vorstellen von Büchern weiterhin so betreiben könnte, wie ich es vorher als Buchhändlerin getan hatte.
Also habe ich mir einen eigenen Account eingerichtet.
So fing alles an – Learning by Doing. Es hat mir von Anfang an großen Spaß gemacht und tut es bis heute.
Über Bücher mit den richtigen Menschen zu sprechen, wird einfach nie langweilig.
04
Wie entscheidest du heute, welche Bücher du liest und auf deinem Account vorstellst?
Zunächst spielt natürlich eine Rolle, wo ich Rezensionsexemplare bekomme. Ich muss die Bücher, die ich rezensiere, nicht unbedingt als gedruckte Ausgabe besitzen. Mittlerweile nutze ich sehr gerne E-Books. Zum einen ist der Platz im Bücherregal irgendwann begrenzt und zum anderen ist für mich das Lesen wichtig, nicht unbedingt das Besitzen eines Buches.
Als Bloggerin und ehemalige Buchhändlerin nutze ich deshalb ein Portal, auf dem Verlage sowie Autorinnen und Autoren ihre Leseexemplare als Dateien bereitstellen. Oft geschieht das schon Monate vor der eigentlichen Veröffentlichung. So kann ich mir eine Liste mit den Büchern erstellen, die ich lesen möchte, und sie direkt auf meinen E-Reader laden. Im Gegenzug veröffentliche ich dort anschließend meine Rezension.
Was mich an einem Buch anspricht, ist schwieriger zu erklären. Da die Bücher noch neu sind, gibt es häufig überhaupt keine Bewertungen oder Rezensionen anderer Leserinnen und Leser. Ich kann mich also zunächst nur an der Inhaltsangabe orientieren.
Am Ende entscheidet deshalb tatsächlich mein Bauchgefühl. Springt der berühmte Funke über? Kenne ich die Autorin oder den Autor bereits? Spricht mich das Thema an?
Natürlich gibt es auch Bücher, bei denen ich nach 50 oder 100 Seiten merke: Oh je, das wird nichts mit uns.
Dann breche ich ein Buch auch ab. Das mache ich wirklich nicht gerne, aber manchmal muss es einfach sein.
05
Du unterstützt auch Selfpublisher. Warum ist dir ihre Sichtbarkeit wichtig und welche Erfahrungen hast du bisher gemacht?
Im Mai haben wir beispielsweise eine Lesung mit drei Autorinnen in einem kleinen privaten Freibad veranstaltet – direkt auf der Liegewiese. Die Veranstaltung war sehr gut besucht.
Seit diesem Jahr stelle ich bei meinen Buchvorstellungen in der Mediathek außerdem ganz bewusst auch Selfpublisher vor. Der Kontakt zu den Autorinnen und Autoren ist häufig sehr herzlich und viele sind sehr dankbar für die Sichtbarkeit, die ich ihnen im Rahmen meiner Möglichkeiten geben kann.
Ich komme außerdem viel mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Buchhandel ins Gespräch und stelle dabei gerne das Thema Selfpublishing im Buchhandel zur Diskussion. Ich würde diese beiden Welten sehr gerne stärker zusammenbringen.
Genau daran arbeite ich beispielsweise gemeinsam mit anderen beim Selfpublisherspeeddating. Diese Initiative hat mein Buchhändlerkollege und Autor Tommy B. Brandl im vergangenen Jahr ins Leben gerufen.
Meiner Meinung nach gibt es im Selfpublishing viele Autorinnen und Autoren, die ihr Können keineswegs hinter Verlagsautorinnen und Verlagsautoren verstecken müssen. Sie sind freier in ihrer Themenwahl und kümmern sich häufig um unglaublich viele Dinge selbst – vom Marketing bis zum Buchsatz.
Dahinter stecken sehr viel Herzblut, eine Menge Geld, viel Mut und letztlich auch immer die Hoffnung, gesehen zu werden. Das bewundere ich sehr.
Es ist wirklich eine Freude, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ich hatte beispielsweise schon stundenlange Telefongespräche mit einer Autorin, bei denen wir gemeinsam durch ihren Text gegangen sind und grammatikalische sowie stilistische Fragen besprochen haben.
So etwas mag ich sehr. Diese Form des direkten Austauschs erlebt man mit klassischen Verlagsautorinnen und Verlagsautoren eher selten.
06
Was macht für dich eine wirklich gute Rezension aus?
Ich schreibe meine Rezension möglichst direkt nach dem Lesen, solange der Eindruck noch frisch ist. Auch dabei kommt vieles aus dem Gefühl heraus.
Was hat mich beeindruckt? Wie war der Erzählstil? Welche Perspektive wurde gewählt? Wie hat mir die Wortwahl gefallen? Wie wurde das Thema umgesetzt? Was ist nach dem Lesen bei mir hängen geblieben? Für welche Leserinnen und Leser könnte das Buch geeignet sein? Und kann ich es guten Gewissens empfehlen?
Eine gute Rezension zeichnet sich für mich außerdem dadurch aus, dass sie nicht zu viel verrät. Ich möchte weder spoilern noch den gesamten Inhalt eines Buches nacherzählen.
Es muss immer noch Raum für die eigenen Gedanken der Leserinnen und Leser bleiben.
07
Wie siehst du heute das Zusammenspiel von Buchhandel, Bookstagram, Autorinnen und Autoren und Leserinnen und Lesern?
Man sieht schnell, welche Bücher gerade überall empfohlen werden. Dadurch entstehen natürlich auch Hypes. Je größer das Marketing ist, desto größer fällt häufig auch der öffentliche Auftritt eines Titels aus.
Mich nervt das manchmal ein wenig, weil dadurch andere wirklich gute Bücher im Hintergrund bleiben können.
Ich versuche deshalb im Rahmen meiner Möglichkeiten gegenzusteuern und in meinem Feed eine möglichst große Bandbreite zu zeigen. Genau deshalb lese ich auch gerne unterschiedliche Genres.
Der stationäre Buchhandel hat momentan keinen leichten Stand, das wissen wir alle. Viele Buchhandlungen verschwinden aus den Städten, weil sie sich wirtschaftlich nicht mehr tragen oder weil die Inhaberinnen und Inhaber aus Altersgründen aufhören und sich keine Nachfolge findet.
Gleichzeitig sehe ich aber auch viele junge Kolleginnen und Kollegen, die mutig sind und neue Buchhandlungen gründen. Sie bringen viele Ideen und großes Engagement mit und denken Social Media häufig von Anfang an mit.
Ich glaube, genau darin liegt der Schlüssel: neue Ideen entwickeln, über den Tellerrand hinausschauen und beispielsweise auch einmal Selfpublisher sowie unabhängige Autorinnen und Autoren einbeziehen. Auch die Kundinnen und Kunden können viel stärker eingebunden werden.
Es geht darum, Synergieeffekte zu nutzen.
Ich hätte dazu selbst noch einige Ideen. Und wenn ich heute noch einmal jung wäre, glaube ich tatsächlich, dass ich es noch einmal wagen würde und eine eigene Buchhandlung eröffnen würde.
Leserinnen und Leser spüren meiner Meinung nach sehr gut, in welcher Buchhandlung sie sich wohlfühlen. Wenn sie sich dort gesehen und gut beraten fühlen, kommen sie auch gerne wieder.
08
Was wünschst du dir für die Zukunft der Buchcommunity – und ganz persönlich für deinen eigenen Account?
Wir sollten neugierig bleiben und nicht jedem Hype hinterherrennen.
Außerdem finde ich es wichtig, KI-generierte Inhalte klar zu kennzeichnen, damit Grafikerinnen und Grafiker, Künstlerinnen und Künstler, Übersetzende und andere Kreative ihr Können weiterhin zeigen können und ihre Arbeit geschützt und wertgeschätzt wird.
Ansonsten wünsche ich mir, dass die Buchbubble bunt, kontrovers und vielfältig bleibt.
Denn Lesen ist einfach eines der schönsten Dinge im Leben.
Für mich persönlich bedeutet Bookstagram auch, innerlich beweglich zu bleiben, mich immer wieder auf neue Ideen und neue Menschen einzulassen und meine Liebe zu Büchern weiterhin mit anderen zu teilen.